Die Tuareg Nigers
Ein Volk im Wandel der Zeit
Das Volk der Tuareg besteht aus ca. 1 Million Menschen, welche in den südlichen Randzonen der Sahara leben, aufgeteilt auf die fünf Staaten Niger, Libyen, Algerien, Mali und Burkina Faso. Sie sind Nomaden, geprägt von den extremen klimatischen Bedingungen in ihrem Lebensraum.
Obwohl sie sich als eine grosse Einheit sehen, gliedern sich die Tuareg in verschiedene Stämme und Familien. Um ihre Zusammengehörigkeit zu versinnbildlichen, nennen sie sich auch „Kel Tamaschek“, das Volk der Tamaschek sprechenden. Sie verfügen über eine eigene Sprache und mit dem Tifinagh über eine eigene Schrift.
Im Wesentlichen besteht sie aus einfachen geometrischen Formen und je nach Region werden zwischen 21 bis 27 Zeichen verwendet. Das Tifinagh ist schwer lesbar und wird traditioneller Weise auf Steine, Baumstämme und in den Sand geschrieben.
Als ich das Tinileft-Tal
durchquert und verlassen
fand ich ein Glück,
das wäre vollkommen gewesen,
hätte es nur Bestand gehabt!
Das Glück war köstlich
bis zu dem Tag,
an dem sich alles wandelte.
Da es nun einmal zerbrochen ist,
wünschte ich mir,
ich hätte es nie gekannt!
Aus dem Buch „Tuareg Poesie"
Früher hatten die Herren der Wüste eine klare, strenge Kastenregelung - Adelige gehörten der höchsten Stufe an. Sie waren traditionelle Krieger, Kamelhalter und die politische Instanz der Gesellschaft, welche für das Wohlergehen des Volkes zu sorgen hatte.
Ihnen dienten die Vasallen, denen wiederum oblag die Haltung des Viehs, der Karawanenhandel und sie hatten Macht über die Landpächter und Knechte in den Oasen. Um die Knechte gab und gibt es viele Diskussionen. Während die einen meinen sie wären Sklaven gewesen, weisen andere Quellen darauf hin, dass es sich hier um abhängige Arbeiter handelte, welche sich auch mit anderen Tuareggruppen vermischten. In der heutigen Zeit ist von der ehemaligen Hierarchie nur noch die Sonderstellung der Schmiede geblieben. Sie stellen Schwerter, den taditionellen und weithin bekannten Silberschmuck und die täglichen Gebrauchsgegenstände der Nomaden her.
Den Enaden werden besondere magische Fähigkeiten nachgesagt – sie sind verachtet und gefürchtet zugleich.
Ihre Frauen sind geschickte Lederhandwerkerinnen, welche die im Nomadenhaushalt benötigten Matten, Beutel und Taschen aus gefärbtem Leder herstellen.
Trotz des Wandels lieben die Tuareg ihre Traditionen, dennoch müssen sie sich den Zeichen der Zeit beugen.
Die Frauen sind unverschleiert, haben ein Mitspracherecht und nehmen an den Diskussionen teil, welche rund um die Teekanne stattfinden. Ihr Sarkasmus und ihre Schmähun-gen sind gefürchtet! Die Eheleute leben meist monogam, Scheidungen aber sind durchaus häufig. Im Gegensatz zum arabischen Islam – so betonen die Tuareg – hätten auch die Frauen das Recht sich scheiden zu lassen. Ein Mann, der seine Frau schlägt, wird von der Tuareggemeinschaft geächtet!
Das Einhalten der kulturellen Regeln ist für jeden Targi eine Ehre; ein wesentlicher Teil ihrer Tradition ist der Ehrenkodex „Äshaqq“. Das sind selbstauferlegte Bestimmungen des Zusammenlebens und feste moralische Wertvorstellungen, an die jeder Targi und jede Targia gebunden ist. Sie orientieren sich an den Ideale wie Mut, Ausdauer, Bescheidenheit, Grosszügigkeit, Intelligenz und Wissen gehen einher mit Schönheit, Eleganz und Gleichmut.
Der Name TUAREG ist ein Begriff – freie, unabhängige Nomadenvölker in der unendlichen Sahara – romantisiert und von träumerischen Mythen umgeben. Vermeintlich, denn ganz anders präsentiert sich die Realität. Der Traum vom eigenen Nomadenstaat ist längst ausgeträumt, allgegenwärtig ist die Armut.
Durch nationalstaatliche Grenzen, Bürgerkriege und Vertreibungen wurden sie praktisch in die Sesshaftigkeit gezwungen. Als sich die Tuareg gegen dieses Vorgehen wehrten, waren sie der Willkür der Verwaltungsbeamten und des Militärs schutzlos ausgesetzt. Erbarmungslos wurden sie unterdrückt und verfolgt, ihre Brunnen wurden vergiftet, der Zugang zu ihnen vermint.
Zusätzlich bedrohten jahrelange Dürren, wirtschaftliche und politische Benachteiligungen ihre Existenz und die von der Abwanderung zerissenen Familien müssen ums Überleben kämpfen! Sie haben kaum Möglichkeiten eine neue Lebensgrundlage in der Sesshaftigkeit aufzubauen, wo der kleinste Anlass eine humanitäre Katastrophe auslösen kann.
Tuareg-Nomaden sind heute ausserstande einzig und alleine von ihren Herden zu leben. Sie müssen ihr Einkommen durch einen Nebenerwerb aufbessern, sei es zum Bespiel durch die Bewirtschaftung von Gärten – obwohl Ackerbau für sie meist ein Fremdwort war – als Fahrer oder Kamelführer im Tourismus oder als Fremdarbeiter in Libyen und Algerien.
Hawad
